Trotz
Homosexualität mit der Familie leben
Vor einem
Jahr habe ich meiner Frau gestanden, dass ich mich mehr zu Männern als
zu Frauen hingezogen fühle. Zuvor hatte ich übers Internet den
Erfahrungsaustausch mit anderen Männern gesucht, die ebenfalls erst
nach einer längeren Heterobeziehung ihre Homosexualität erkannt haben.
Von ihnen habe ich gelernt, dass es unterschiedliche Herangehensweisen
gibt, wie schwule Männer mit ihrer bisherigen Partnerin und mit ihren
Kindern umgehen, aber dass Offenheit in jedem Fall von Vorteil ist. So
habe ich mit meiner Frau geredet, bevor ich ihr Vertrauen durch
Heimlichtuerei verspielt hatte. Mir war zunächst nicht klar, wohin mich
meine Reise führen würde, und meine Frau hat lange Zeit darauf gehofft,
dass sich meine „neue Laune“ irgendwann wieder „normalisieren“ würde.
Anfang
Februar war meine Frau beim Seminar für Partnerinnen schwuler Männer in
der Tagungsstätte „Waldschlösschen“ bei Göttingen, das einmal jährlich
stattfindet. Dort traf sie rund fünfzehn andere Frauen, die ebenfalls
mit schwulen Ehemännern verheiratet sind. Die beiden Leiterinnen sind
seit über 25 bzw. seit über 40 Jahren verheiratet und leben mit ihren
Männern zusammen, obwohl sie schon seit Ewigkeiten von deren
Homosexualität wissen. Sie scheinen Wege gefunden zu haben, wie sie die
auftretenden Probleme meistern. Ganz anders die Teilnehmerinnen. Für
alle sind durch das Coming-Out ihrer Männer Illusionen zerstört worden,
was sie in mehr oder weniger tiefe Lebenskrisen gestürzt hat. Sie
vereint, dass alle um ihre Ehe kämpfen, weil sie ihre Partner trotzdem
gern mögen. Es war offenbar keine Teilnehmerin dabei, die optimistisch
in die Zukunft schaut. Doch die Leiterinnen konnten vermitteln, dass
das Leben auch nach dem Outing des Mannes weitergeht.
Meine Frau
und ich haben inzwischen, da ich „am anderen Ufer“ angekommen bin,
klären können, dass unsere gemeinsame Lebensform keine klassische Ehe
mehr ist. Wir leben in unserem Haus freundschaftlich weiterhin
zusammen, aber in unterschiedlichen Zimmern. Ich habe mich im
Dachgeschoss eingerichtet, meine Frau gestaltet sich das Schlafzimmer
neu. So wollen wir möglichst alles, was wir uns als Familie aufgebaut
haben, auch künftig gemeinsam nutzen. Für unseren Sohn (im
Grundschulalter) beibt das Zuhause erhalten, und wir sind als Eltern
unverändert gemeinsam ansprechbar. Abgesehen davon, wir beide mögen uns
immer noch! Seit wir vor ein paar Wochen die Zimmer umgeräumt haben,
ist zu spüren, dass die neu geregelten Verhältnisse uns Dreien gut tun.
In der
Familie bin ich nun uneingeschränkt geoutet, und von dort aus zieht das
Outing ohne mein Zutun weitere Kreise. Ich bin mir sicher, dass ich vor
einiger Zeit daran zugrunde gegangen wäre, aber heute stört es mich
nicht mehr. Sollen doch alle wissen, wie ich wirklich bin! Selbst meine
Kleidung habe ich verändert, so dass ich in gewisser Weise „schwul“
aussehe.
Jetzt war
ich ebenfalls im „Waldschlösschen“ zum 45. Treffen „Zwischen den
Welten?!“ von schwulen Vätern und Ehemännern. Weil ich vorher schon mit
der Hamburger Selbsthilfegruppe Kontakt aufgenommen hatte, bin ich
mit sechs Hamburgern gemeinsam hingefahren. Es waren etwa 50 Männer
dort, sowohl Neue oder Ungeoutete als auch Stammgäste, teils mit ihren
neuen Lebenspartnern. Meine Erwartungen an das Treffen wurden in jeder
Hinsicht übertroffen. Die Atmosphäre war freundschaftlich und
vertrauensvoll. Es gab Unterhaltungs- und Entspannungsmöglichkeiten,
und durch die Gesprächsangebote konnte ich sowohl meine nächsten
Schritte als auch meine mittelfristige Perspektive klären. In jeder
Gesprächsgruppe nahmen auch Männer teil, die von ihrer teils
langjährigen Erfahrung berichten konnten. Die Vielfalt der praktizierten
Lebensformen ist erstaunlich, und nicht jedes Coming-Out muss
zwangsläufig zu Trennung und Scheidung oder gar zum Verlust der Kinder
führen – obwohl es leider auch solche Fälle gibt.
An dem
Wochenende war ein Mann aus einer anderen Ecke Deutschlands dabei, mit
dem ich mich auf Anhieb gut verstanden habe. Zwischen uns hat sich ein
vielversprechender Kontakt ergeben, obwohl ich eigentlich gerade
erkannt hatte, dass ich für eine neue oder zusätzliche Beziehung nicht
reif bin. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
Bericht vom
Mai 2008, Kontakt zum Autor unter Amateur_OD(at)Yahoo.de möglich.
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