|
Es gibt viele Erfahrungsberichte von schwulen Vätern. Man
erkennt Gemeinsamkeiten und doch unterscheiden sie sich in so
manchen Dingen. Auch meine Geschichte spiegelt die so oft von
verheirateten und schwulen Vätern erlebten Ereignisse wieder.
Als drittes Kind in einer Kleinstadt geboren, meine Eltern kann
man wohl als sehr strenggläubig und Konservativ bezeichnen,
erlebt ich mit meinen Geschwistern einen recht allgmeinen Altag
mit vielen Regeln und Geboten. Alles schien doch so regelmäßig
zu laufen so wie bei doch jeden anderen auch. Aber es schien
auch nur, und igendwie bemerkt ich doch, das da etwas anders
war.
Mädchen schön und gut und was man in der Clique so erzählte. Man
brüstete sich mit allen Möglichen und schien sich in Erfahrungen
immer weit zu übertreffen. Nun Erfahrungen hatte ich nicht und
ehrlich schaute ich mir alles andere an nur nicht Mädchen. Ne,
die Jungs gefielen mir doch einfach besser. Ich malte mir alles
aus, lebte sozusagen in meiner Welt. Später kam es immer mehr
ins Bewußtsein und ich würde sagen mit 17 oder 18 war mir
eigentlich recht klar, das ich mit Frauen nicht besonders viel
anfangen konnte. Ich sagte mir, du bist homosexuell, eindeutig,
kann nicht anders, ist so, bestimmt. Mit 19,20 konnte ich
schließlich selber zu mir sagen. Du bist schwul. Ich hatte mich
selber gefunden, konnte mich einordnen und das brachte mich ein
Stück nach vorne.
Mein Familie sollte es wissen, ja ich wollte Ihnen es sagen, ich
war mir ganz sicher.
Wie würden sie reagieren ? Ich blieb der Sohn und auch der
Bruder, überhaupt kein Thema. Aber auch schwul sein war kein
Thema. Nur so eine Phase, du bist durcheinander, das legt sich.
Wenige Tage später, nein schon am nächsten Tag fand ich in
meinem Bücherregal ein kirchliches Aufklärungsbuch, ganz einfach
so, ohne Kommentar. Ich hab mich "intensiv" damit beschäftigt.
Denke mal so fünf Sekunden, erste und letzte Seite, Mülltonne.
So ging es es weiter Tag für Tag.
Meine Eltern fragten den Hausarzt, einen katholischen
Seelsorger, einen Phsychologen, jedemenge Ratschläge also, aber
so wie ich heute wohl weiß, für mich die falschen. Keiner durfte
es wissen, strengste Geheimhaltung, nach dem Motto geht niemand
was an. Wenn das die Nachbarn erst einmal wissen oder die
Verwandschaft. Liebe zwischen Männer, unmöglich gibt es nicht,
hält sowieso nicht lange, kennt doch jeder. ... Hier und mit uns
nicht.
Ich war einfach nur noch fertig, fix und alle.
Selbstmordversuch. Therapie.
Ich wollte nicht mehr schwul sein.
Verzweifelt (so würde ich es heute sagen ) stürzte ich mich in
die erste Ehe. Für meine Familie ein Rettungsring, für mich
"Selbsttherapie". Ich hatte damals den Eindruck, das Wort schwul
wurde immer verschwommener. Meine Frau wußte nichts von meinen
eigentlichen Gefühlen und ich versuchte mich mit allen möglichen
abzulenken, was mir auch oberflächlich ganz gut gelang.
Die Ehe zerbrach nach zwei Jahren und wir trennten uns als gute
Freunde. Wir hatten einfach festgestellt das die Liebe auf
beiden Seiten nicht so groß war, wie wir das am Anfang gedacht
hatten. Sie hat die Wahrheit über mich nie erfahren.
Ich wohnte danach wieder bei meinen Eltern, bis ich meine
jetzige Frau kennenlernte. Wir heirateten vor sieben Jahren und
ich war mir sicher, es war Liebe. Es war eine schöne Zeit, wir
bauten ein Haus, hatten gemeinsame Bekannte, unser Sohn wurde
geboren. Alles lief ohne große Probleme, man würde sagen eine
tolle "Musterfamilie". Aber es holte mich ein.
Wir waren zusammen im Urlaub, hatten einen schönen Sommertag
erlebt, unser Sohn schlief schon und wir saßen noch bequem in
unseren Liegestühlen. Ich fühlte ein Unbehagen, als wenn etwas
bedrohliches geschehen würde. Ich konnte nicht mehr richtig
Denken, alles war plötzlich weg. "Du, ich bin schwul". Ich hatte
es einfach so gesagt.
Es war die eisigste Kälte und Stille, die ich jemals erlebt
hatte. Wir gingen zu Bett ohne ein Wort noch zu sagen.
Vier Wörter gegen fünf Jahre, dachte ich.
Vier Wörter und alles aus und vorbei.
Vier Wörter gegen drei Menschen.
Vier Wörten UND drei Menschen.
Wir verbrachten den schönsten Urlaub seit langen. Ich
erzählte ihr alles aber auch wirklich alles. Keine Lüge mehr,
kein Selbstbetrug, nur noch die Wahrheit. 20 Jahre Schweigen
waren zu Ende. Sie hörte einfach nur zu. Irgendwann sagte sie
dann, Ich liebe dich so wie du bist.
Heute sage ich dazu, die letzten zwei Jahre habe ich etwas von
meinem eigenen Leben zurückbekommen. Wir gehen sehr offen mit
meinem schwulsein um. Ohne wenn und aber, ohne Geheimnisse und
verstecken. Natürlich gibt es bei mir eine Sehnsucht und es
schmerzt manchmal.
Aber ich glaube, das ich für mich den richtigen Weg gefunden
habe.
Das einmal kurz zu meinem Lebensverlauf. Ich habe mich einfach
auf das wesentliche konzentriert, obwohl das Leben manchmal
Bände spricht. Vielleicht habe ich einigen Mut gemacht, sich
selber etwas einzugestehen. Sich selber zu sagen, ja ich bin
schwul.
Wäre schön von den einen oder anderen mal etwas zu hören.
Michael
|