Kalle (40): Leicht ist es nie...
...aber ich hatte es sicherlich einfacher als viele andere. Mein Outing hatte ich erst 7 Jahre nach der Trennung von der Mutter meines Sohnes. Diese, im Rückblick doch leider viel zu lange Zeit brauchte ich, um mir darüber klar zu werden, wo ich stehe. In der damaligen Beziehung war ein mögliches Schwulsein überhaupt kein Thema, mal davon abgesehen, daß ich mich auch nach Männern umdrehte, bei Filmen enttäuscht war, daß oft nur die Frauen nackt bewundert werden konnten und ja, es auch Phantasien gab, wie es wohl wäre wenn....?
Erst nach der Trennung war es mir möglich, die Gefühle zuzulassen und
mir über die Tragweite klarer zu werden. Zuvor hatte ich es als Ausdruck
meiner Offenheit für Neues und entsprechender Neugierde eher amüsiert
zur Kenntnis genommen. Als Single dachte ich dann lange Zeit, okay, ich
könnte auch bi sein. Wenn der Richtige kommt, wird es sich schon
herausstellen. An dieser Illusion glaubte ich ziemlich lange, sprich es
passierte nichts. Mit der Zeit wurde mir klarer, daß es sich hierbei nur
um Ängste vor den möglichen Konsequenzen handelte, vorzutreten und nun
zu sagen: Ich bin schwul. Was werden die Leute sagen?
Tja, irgendwann kam der Moment, in dem ich mich verliebte und in dem
Rausch der Gefühle das Outing überhaupt kein Problem war. Sowohl meine
Freunde als auch meine Familie nahmen es zwar meist überrascht aber doch
locker auf. Warum habe ich bloß so lange gewartet?
Schon kurz nach meinem Outing (das ist nicht einmal zwei Jahre her) bin
ich auf den Wink eines Freundes hin zur Schwulen Vätergruppe gegangen.
Der wichtigste erste Eindruck war, hey, ich bin nicht allein, es gibt
viele Väter, die ihr Schwulsein erst spät entdecken (oder zulassen).
Trotz der gleichen Klammer war doch jede Geschichte anders und hatte
seine eigenen speziellen Probleme. Es hilft ungemein, in diesem Kreis
von den anderen Erfahrungen zu hören und seine eigenen Probleme zu
diskutieren. Diese Mischung von Männern, die schon das meiste hinter
sich hatten, bis zu denen, die erst am Anfang stehen und sich natürlich
große Sorgen machen, war einfach hilfreich, um selbst Stärke zu gewinnen
und um den eigenen Weg zu finden.
Bei mir stand dann irgendwann die Frage im Vordergrund, wann und wie
sage ich es meinem Sohn, der damals 10 Jahre alt war? Denn er sollte es
auch bald erfahren, damit ich ihm nichts vorspielen muß. Die Erfahrungen
der anderen halfen mir zu entscheiden, wie ich das am besten angehe.
Klar war, daß ich zuerst die Mutter informieren mußte, damit sie
vorbereitet ist, wenn er dann wieder zu ihr zurückkommt. Hier gab es
dann plötzlich Probleme, die allerdings nicht primär mit dem Schwulsein
zu tun hatten. Dabei stand mir dann Thomas, der Leiter der Vätergruppe,
mit hilfreichem Rat zur Seite.
Mein Sohn hat es schließlich beinahe amüsiert und ein wenig verlegen
aufgenommen, wollte aber unbedingt meinen Freund kennenlernen und sofort
seinen besten Freund anrufen, um ihm davon zu erzählen - Klasse, daß es
ihm nicht peinlich war, ihm zu erzählen, daß sein Vater seit neuestem
schwul sei. Seitdem läuft es prima, mein Sohn freut sich, wenn mein
Freund auch da ist und wir etwas zu dritt machen. Auch wenn ich sicher
bin und dies von den anderen Vätern auch bestätigt finde, daß es immer
Phasen mit Problemen wird geben können, insbesondere in seiner Pubertät,
bin ich zuversichtlich, eine gute Basis geschaffen zu haben, um das
durchzustehen.
Dazu hat die Vätergruppe beigetragen, zu deren Treffen ich weiterhin
gehe, um anderen mit meinen Erfahrungen zur Seite zu stehen, um von
Problemen zu erfahren, die möglicherweise auch auf mich zukommen könnten
oder einfach, weil es nett ist, die anderen zu treffen und mit ihnen
hinterher bei einem Bier zu klönen.
