Vater, Vater, Kind
von Regina Müller
Stefan* ist ein Frauentyp. Ein Mann mit Charme und strahlenden Augen.
Einer, der seine Hemden selber bügelt und über sich selbst lachen kann.
Stefan ist ein Männertyp. Als er sich das zwei Jahre nach seiner
Scheidung eingestand brach eine Welt zusammen. Für ihn selbst und seine
Kinder. Dabei hatten die Söhne im ersten Monat ganz cool reagiert auf
das Bekenntnis, ihr Väter seien jetzt in einen anderen Mann verliebt.
Das macht doch nichts, hatte Jonathan* (12) geantwortet, Hauptsache, er
hat keine Kinder.
Seine Frau, sagt Stefan, sei gerade zu erleichtert gewesen. Lieferte ihr
seine Homosexualität doch wenigstens einen Grund für das Scheitern der
Ehe: Das erklärt vieles, sagte sie nach dem ersten längeren Gespräch
nach der Scheidung, die von ihr ausgegangen war. Sie fühlte sich
entlastet von den Schuldgefühlen und der Frage, warum es mit den Jahren
schlechter geworden war zwischen ihnen. Heute haben beide das gemeinsame
Sorgerecht für Jonathan und Paul*(11) Stefan wohnt mit seinem neuen
Freund wieder in der Nähe seiner Ex-Familie, keine 50 Meter von der
früheren Wohnung entfernt. Jonathan und Paul kommen den Väter und seinen
Lebensgefährten oft besuchen. Dann sitzen sie alle an dem großen
Esszimmertisch, der an drei Seiten von einer mehrgleiseigen
Spielzeugeisenbahn umrundet wird, es gibt Marmelade und Nutella ohne
Limit, und die Männer diskutieren ausführlich mit den Söhnen. Die
Familie als Solidargemeinschaft. Sie alle zusammen seihen jetzt, sagt
Stefans Exfrau über die neu gewonnene Harmonie, fast schon wieder eine
richtige Familie. Ich finde das alles ein bisschen hart, sagt Stefan.
Ich fühle mich schon zerrissen.
Wenn Väter Ihr Coming- Out erleben, muss das Familienleben in ein neues
Gleichgewicht gebracht werden. Hin- und hergerissen zwischen
Selbstfindung als schwule Männer und den Bindungen aus den Jahren davor
suchen sie nach einer Lebensform für die es noch kein Modell gibt. Es
ist eine andere Rolle, am Wochenende den Papa zu spielen, ein
kinderbezogenes Programm zu fahren- und sich in der Woche als schwuler
Mann zu bewegen, sagt Mike* (36), fünffacher Vater. Das passt einfach
nicht.
In der Selbsthilfegruppe der Schwulen-Väter findet das niemand komisch,
viel gelacht wird trotzdem, wenn Sie da sitzen, zu zehnt oder zu zwölft
und einander Berichten von den Verwicklungen ihrer zweifachen Leben.
Die Leute fragen mich wie das denn geht, Vater zu sein und schwul, sagt
Lars*(32). Ich würde sagen das Kind war unser letzter Versuch, die Ehe
zu retten.
Dieses Jahr feiern wir Silberhochzeit, erzählt Michael* (54), der
getrennt wohnt von seiner Frau, sich aber nicht scheiden lassen will.
Sein Sohn ist erwachsen. Er wisse von nichts. Da ist sich Michael
ziemlich sicher. Die anderen in der Gruppe lachen amüsiert. Jeder kennt
das Spiel, die Heimlichkeiten, den Glauben, man könnte der Umwelt etwas
vormachen, den Kindern und vor allem sich selbst. Zum Zeitpunkt der
Heirat, sagt Michael, war mein Schwulsein noch nicht so gravierend. Ich
dachte andere Männer haben Fußball als Hobby, ich habe eben die Kerle.
Frau und Kind das war trotzdem sein Lebenstraum. So lange, bis es nicht
mehr ging. Auf das Outing folgt so gut wie immer eine schwere Zeit. Nun
hat man die Sache allen eröffnet, den Eltern der Tante, den
Sportsfreunden und auch den Kollegen; hat sich jedes Mal wieder ein
bisschen ins Abseits begeben, bei den anderen das Zögern oder die
Verstörung gespürt. Und war sich doch sicher, das es kein zurück mehr
geben kann auf dem Weg zur inneren Wahrheit, weg von der Lebenslüge hin
zu einer Freiheit, die Ihren Preis hat.
Ich habe immer ein schlechtes Gewissen, sagt Stefan. Und dabei komme ich
selbst zu kurz. Zwei Jahre lang sagt Stefan wollten ihn die Kinder auf
den richtigen Weg zurückbringen. Glaubten mit Bravsein alles wieder gut
machen zu können, was die Eltern entfremdet hatten. Sie fühlten sich
schuld an der Trennung und Scheidung, sagt Stefan. Das ist die eine
Seite: Das Scheidungskindersyndrom. Jonathan fühlt sich zwischen den
Familien hin- und hergerissen: Immer muss ich mich umstellen, und das
finde ich doof. Paul, der jüngere, verwechselt ständig den Namen seines
Vaters mit dem vom neuen Mann der Mutter. Dazu kommt die andere Seite
die Auseinandersetzung mit dem Schwulsein: Warum nur ist Papa anders als
andere Väter? Klar, sagt Jonathan, in der Klasse sind viele Eltern
geschieden. Aber die sind dann nicht schwul. Ihm wäre es lieber
-natürlich!- wenn sein Väter wenigstens mit einer Frau zusammen wären.
Früher fand er die Nachbarin nett und auch im Urlaub mal eine, das ging
ja noch. Homosexualität ist ein Angriff auf das natürliche Männerbild.
Weil sich Jungen nach wie vor an diesem orientieren, bedeutet jede
Abweichung sozialen Stress. Auf den reagieren Jungen nachweislich
empfindlicher als Mädchen. Ich mag es nicht das es jemand in meiner
Klasse weiß, sagt Jonathan. Weil sie dann alle drüber lachen würden. Nur
meinem besten Freund habe ich es erzählt, als großes Geheimnis, und
große Geheimnisse verrät man nicht, auch nicht im Streit. Jonathan, der
12-Jahrige mit den klugen Augen, steht auf brutale Videospiele. Ich bin
nicht so ein Weichei wie Du, sagt er zu seinem Bruder. In der Klasse
ruft er Schwuchtel, wie die anderen um zu verdecken, das sein Vater so
einer ist. Dabei ist das gar nicht so schlimm, weis Jonathan. Das wird
ja auch nicht vererbt, das geht ja gar nicht.
Das Verhältnis zu Stefan - Jonathan sagt nicht mehr mein Vater.- sei
schwieriger geworden: Seit er schwul ist, ist er ein bisschen fremd.
Jonathan findet Zärtlichkeiten zwischen Männer ziemlich peinlich. Wie
eben 12-jährige Sexualität überhaupt peinlich finden. „ Wir tun einfach
so als ob gar nichts wäre. Am Anfang, da haben wir mal viel daran
gedacht und fanden das nicht gut, aber jetzt vergessen wir es. Burkhard
Oelemann leitet in Hamburg zusammen mit Joachim Lempert das „ Institut
for male, das sich das Thema Jungensozialisation und Männergewalt
widmet. Wenn ein Junge damit konfrontiert wird, das sein Vater
eigentlich schwul ist, sagt der Erziehungswissenschaftler Oelemann, geht
damit eine zweifache Verunsicherung einher: Der Sohn bekommt den inneren
Konflikt des Vaters mit – und ist gleichzeitig selbst durch die Pubertät
in seiner Geschlechtsrolle massiv verunsichert. Söhne orientieren sich
ja an den Väter, die Tochter mehr an den Müttern. Irgendwie, findet
Jonathan, habe jetzt zwei Väter: Es kommt mir vor als ob Stefans Freund
auch mein Vater wäre weil er sagt, dies und das darfst du nicht. Eine
Familie ist laut dem Bundesverfassungsgericht die „umfassende
Gemeinschaft zwischen Eltern und Kindern seinen diese ehelich oder nicht
ehelich , adoptiv-, Stief- oder Pflegekinder. Auch schwule Väter,
lesbische Mütter und Ihre Kinder (zumeist aus vorherigen Heterosexuellen
Beziehungen) stehen ausdrücklich unter dem besondern Schutz des Staates,
heißt es in einer Ergänzung von 1995. Doch empirische Untersuchungen
fehlen - schon aus Datenschutzgründen wird die Sexuelle Orientierung
statistisch nicht erfasst. Bis heute ist nicht wissenschaftlich
untersucht, wie sich Kindern von Schwulen entwickeln. Die große Alte
Dame Psychoanalyse, Margarete Mitscherlich, meint, für Kinder sein nicht
die sexuelle Orientierung ihrer Eltern ausschlaggebend, sondern deren
Anwesenheit: „ Wichtig ist für Kinder zwei Mensche zu haben. Auch
Burkhard Oelemann sieht das Problem ganz wo anders: „ Entscheidend ist
nicht ob der Vater homosexuell ist; entscheidend ist, das er emotional
präsent ist. Männer sind ja in der Regel nach wie vor abwesend, und
darum müssen sich die Söhne, an abstrakten Vorbildern von Männlichkeit
orientieren. Das ist das eigentliche Problem.
Bei Trennung oder Scheidung bleiben die Kinder meist bei der Mutter.
Sehr selten ist ein Fall wie der von Lothar* , der das alleinige
Sorgerecht für seine drei Kinder( 14, 15 und 17) bekam. Weil die Mutter
nicht fertig wurde mit dem Leben und das Jugendamt zugunsten des Vaters
eintritt. Die Mädchen haben das gut verkraftet. „ Richtig lustig findet
es die Älteste, wenn auf Schulfesten Papa mit seinem Freund auftaucht
und die anderen große Augen machen. „Die Mädchen finden es toll, die
Jungs bescheuert. Die haben Schiss, das später selber Schwul werden, hat
auch Ayesha (13) in Ihrer Klasse beobachtet, das Ihr Väter Thomas schwul
ist, hat sie allen erzählt, „ kein Problem. Dabei kann sie sich gar
nicht mehr richtig daran erinnern, als Thomas ging vor sieben Jahren.
Ihre Mutter Annelie schon: Die Endphase der Ehe war die Hölle. Thomas
hatte eine Affäre mit einem anderen Mann, war unausstehlich und trank „
eines Tages kam Ayesha zu mir. Sir hatte Ihren kleinen Kinderkoffer
gepackt und sagte: , ich will hier nicht mehr wohnen. Ich fahre zu Oma.
Ein paar Wochen später zog Annelie mit den Kindern aus. Nach dem Outing
waren Thomas` Alkoholprobleme wie weggeblasen. Thomas` Sohn Alexander
(11) reagierte damals verstört. „ Als er begriffen hat, dass Papa schwul
ist, hat er sich ein halbes Jahr lang geweigert, ihn zu treffen, sagt
die Mutter. „ Quatsch, das stört mich nicht, protestiert Alex.
„Eigentlich gehört Thomas zu uns. Aber wir verleihen ihn an andere
Männer. Annelies muntere Kinder haben das gefunden, was Psychologen eine
„ stabile Identität nennen: „ Sie haben in gewisser Weise vom Schwulsein
Ihres Vaters profitiert, meint Burkhard Oelemann. „ Sie haben gesehen,
wie man eine Krise meistert und sich aufrecht verhält. Die Jungs haben
gemerkt, das Ihr Vater trotzdem, männlich´ ist.
Im Bewusstsein des besonderen „Normalität zu leben, das ist der
Balanceakt, den Schwule Vätern und ihre Familie im Alltag verbringen
müssen. „ Eine normale Familie, sagt Ayesha achselzuckend, „ das sind
Väter, Mutter, Kind. Tja, es ist natürlich was anderes, wenn bei uns der
Väter schwul ist und die Mutter einen Freund zuhause hat. Welcher Vater
wäre Ihnen denn am liebsten? „ Einer, der nicht zu dick ist, entfährt es
Annelies 10-jähriger Tochter Alisa. „ Thomas hat keinen Freund im
Moment, setzt Ayesha nach, „ Da hat er unsere ganze Schokolade gegessen
und jetzt muss er wieder abspecken.
