Mein Mann liebt einen Mann
Wie Frauen das Coming-out ihres Partners bewältigen
Was für eine Ehe führt der Professor, der seit Jahren
wechselnd mit einer Frau in Bonn und mit seinem Freund in Berlin eine
Wohnung teilt? Wie erträgt es die Redakteurin, dass ihr Lebensgefährte
jede Woche 24 Stunden in die schwule Szene abtaucht? Was gibt einer
dreifachen Mutter den Mut, nach dem homosexuellen Coming-out ihres
Partners nochmals schwanger zu werden? Und trennte sich die Nachbarin
deshalb von ihrem Mann, weil sie von dessen schwulen Doppelleben erfuhr?
Je nach Blickwinkel als spannend oder verworren
etikettiert, sind unkonventionelle Verhältnisse fast immer ein Objekt
der Neugier. Takt und Diskretion halten jedoch viele Menschen davon ab,
mit Paaren über den Spagat zwischen Frau und Freund oder den Hintergrund
ihrer Trennung zu reden. Selbst dann, wenn Paare ihre dauerhafte
Dreiecksbeziehung nicht verhehlen, empfinden Nachbarn und Bekannte, aber
auch Freunde und Verwandte es häufig fast als ungehörig, dass sie von
den homosexuellen Kontakten des Mannes Kenntnis haben. Für den
allenfalls flüchtigen Blick hinter die Familienkulisse wird meist als
Grund angegeben, die Privatsphäre anderer nicht verletzten zu wollen.
Aber sie liberale Einstellung „Jeder soll lieben, wen er will“ ist oft
mit der Scheu verbunden, den Deckel über dem Geheimnis zu lüften.
Wie viele Frauen mit dem Verdacht leben, dass ihr Mann
auch Männer liebt, oder das Coming-out ihres Partners bewältigen müssen,
lässt sich nur schätzen. Erhebungen zufolge bevorzugen fünf bis zehn
Prozent aller Männer sexuell ihr eigenes Geschlecht oder bezeichnen sich
als bi. Experten glauben, dass jeder fünfte schwule Mann und jede dritte
lesbische Frau Kinder hat und es in Deutschland mindestens eine Million
homosexuelle Eltern gibt.
Nicht zuletzt die Anzahl der Beratungsangebote zeigt,
dass der sexuelle Seitenwechsel so ungewöhnlich nicht ist. Immer mehr
Homosexuelle befreien sich aus dem gesellschaftlichen Randdasein. Eine
immer größere Anzahl von Familienvätern bekennt sich dazu, schwul zu
sein. Doch ihre Partnerinnen kommen im öffentlichen Bewusstsein kaum
vor. Während homosexuelle Männer im schwulen Netzwerk Unterstützung
erhalten, fühlen Frauen sich nach dem Coming-out ihres Partners oft
völlig isoliert. Scham und die irrtümliche Annahme, dass kaum jemand ihr
Schicksal teil, sind Gründe, weshalb viele Frauen allein eine Situation
bewältigen, die nicht nur den Verlust des Partners bedeutet, sondern
meist auch die eigene Identität erschüttert und alles – Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft – in Frage stellt.
Viele Frauen, deren Partner sich Männern zuwendeten,
berichten von einer Phase, in der sie sich von aller Welt verlassen und
von ihrem Mann entwertet und ausgebootet fühlen. Dass die andere ein
Mann ist, löst bei vielen Frauen besondere Verlustängste aus. Sie sind
wehrlos, werden nie mit dem Rivalen konkurrieren können. Andere Frauen
reagieren gelassener, als es bei einer Rivalin der Fall währe. Da sie
mit einem Mann ohnehin nicht wetteifern können, wird ein homosexuelles
Verhältnis nicht in dem Maße als Bedrohung empfunden. Während einige
Berichten, dass sich ihre Fantasie gerade am Fremden entzündet, sagen
andere, dass sie Sexualität zwischen Männern sich schonungsvoll ihrer
Vorstellungskraft entzieht.
Der Modeschöpfer Wolfgang Joop beschreibt seine
bisexuelle Lebensweise „als emotionale Potenz, auf die ich stolz bin“
und erläutert kick: „Rollenwechsel und Tabubruch finde ich erotisch.
Natürlich habe ich den Helden gespeilt bei Frauen, obwohl es mich
manchmal angestrengt hat. Ich finde es verlockend, auch mal eine andere
Seite zu zeigen, die Seite des Opfers, den Helden zu spielen vor mir.
Ich kann eine Frau auch ganz anders verführen als einen Mann.“
Keine Frage: Der Flirt mit der doppelten Lust gedeiht
besonders im großstätisch künstlerischen Milieu. Immer fließender wird
der Übergang zwischen den Geschlechtern. Nicht nur im androgynen
Kleidungsstil, auch im Lebensentwurf weichen ehemals gültige
Rollenmuster mehr und mehr auf. Der renommierte Sexualforscher Gunter
Schmidt, Professor an der Universität Hamburg, stellte die These auf,
dass die Heterosexualität ihre Vorreiterrolle verlieren und durch eine
Vielzahl sexueller Orientierungen ersetzt werden wird.
Dennoch: Als lediglich eigenwillige Variante wird die
gleichgeschlechtliche Liebe auch heute nich nicht angesehen. Obwohl
Geschichte und Gegenwart nicht gerade arm sind an verheirateten Männern,
deren schwule Beziehung bekannt wurde: Friedrich der Große, Baudelaire,
Heinrich Heine, Tschaikowski, Marcel Proust, Gustaf Gründgens, James
Dean, Horst Buchholz, Mich Jagger, David Bowie. Die Verbindung von Graf
Eulenburg mit Wilhelm I. erschütterte das damalige Kaiserreich. William
Sommerset Maughams Ehe wurde aufgrund seiner Homosexualität geschieden.
Der Schauspieler Ernie Reinhardt – alias Lilo Wanders ausschließlich in
Frauenkleinern auf der Bühne – lebt mit Frau, Freund und seinen Kindern
zusammen. Colette, Greta Garbo, Käthe Kollwitz, Marlene Dietrich, Frieda
Kahlo, Inge Meysel, Gianna Nannini gehören zu den Frauen, die außer
Männern auch Frauen liebten. Auch heute jedoch kommt die Mitteilung,
verheiratet und homosexuell zu sein, einem Bekenntnis gleich. Das
Eingeständnis, dass der eigene Mann auch Männer liebt, die eigene Frau
auch Frauen, bricht mit gesellschaftlichen Normen.
Die Dunkelziffer betroffener Paare ist hoch. Mehrere
hunderttausend Frauen leben nach vorsichtiger Schätzung mit einem Mann
zusammen, der sexuelle Kontakte zu Männern hat, manchmal sogar mit dem
Wissen. Oft viele Jahre mitunter das ganze gemeinsame Lben, ohne dass
die Ehefrau von der schwulen Veranlagung ihres Partners erfährt.
Es geschieht eher selten, dass Frauen wissentlich
einen schwulen Partner wählen und heiraten. Frauen, die von vornherein
die homosexuelle Veranlagung ihres Partners kennen, lassen sich häufig
von der schmeichelnden Vorstellung leiten, die Ausnahmefrau zu sein. Die
Illusion, dass sie ihren Mann bekehren und von seiner homosexuellen
Veranlagung „heilen“ können, ermutigt Frauen, trotz der Vergangenheit
ihres Partners die Ehe mit im einzugehen. Zumindest zu Beginn der
Bekanntschaft erhöht die Mitteilung, dass ihr Geliebter über
homosexuelle Erfahrungen verfügt, mitunter sogar das Interesse an ihm.
Der Normbruch, der Reiz des Unbekannten und Unkonventionellen, wirkt
besonders auf Frauen, die sich in einer traditionellen Partnerschaft
eingeengt gefühlt haben und für sich Autonomie beanspruchen.
Aber nicht nur Vertrauen in die eigene Potenz und die
Hoffnung, aus ihrem Partner die dauerhafte Hinwendung zum weiblichen
Geschlecht „herausheben“ zu können, veranlasst Frauen, sich an einen
schwulen Mann zu binden. Abgesehen von gesellschaftlichen Vorteilen (die
sogenannte gute Partie) können auch geringstes Selbstvertrauen und
Zweifel an der eigenen Identität Gründe sein, sich einen Partner
auszusuchen, der zur gesellschaftlichen Minderheit gehört und ebenfalls
Abschätzung zu spüren bekommt. Einigen Frauen passt ein untypischer Mann
gut ins Lebenskonzept, da sie sich selbst als Außenseiterin empfinden.
Auch die bedrückende Ehe der Eltern begünstigt die Wahl eines andern
Beziehungsmodells.
Einige Frauen verbergen vor ihrem Partner ihre
Mitwisserschaft. Aus Furcht, schlafende Hunde zu wecken, aus Angst, das
Pendel durch Herbeireden zur andern Seite ausschlagen zu lassen, lassen
sie sich auf ein Wagnis einer völlig ungeklärten Beziehung ein.
Andere Frauen sehen die ungewöhnliche
Beziehungskonstellation als Herausforderung, enge Beziehungsansprüche zu
überwinden. Doch Eifersucht und das Gefühl, aus einer fremden Welt
ausgeschlossen zu sein, sind oft nicht mit Vernunft zu besiegen. Der
gemeinsam geschaffene bürgerliche Rahmen beeinflusst mehr und mehr die
Lebenseinstellung. In die wohlgeordneten Verhältnisse passen die
schwulen Eskapaden des Ehemannes und Familienvaters nicht mehr hinein.
So sehr die Schilderungen meiner Gesprächspartnerinnen
in vielen differieren, auffallend oft verlieben sie sich in Männer,
deren Eigenschaften in unserer Gesellschaft als weiblich gelten. Fast
übereinstimmend berichten Sie, dass ihr Mann „kein Macho“ ist, dass er
fürsorglicher und weicher als andere Männer war, als sie ihn wählten.
Seine Mithilfe im Haushalt, zumindest zu Beginn der Ehe, seine
Kochkünste und sein überdurchschnittliches Engagement als Vater werden
positiv hervorgehoben. Häufig drängten die Männer darauf, schnell eine
Familie zu gründen. Die gängige Vorstellung, dass die Ehe für einen
homosexuellen veranlagten Mann als gesellschaftliche Fassade oder nur
als Zweckgemeinschaft fungiert, wird aus der Sicht von Frauen nicht
bestätigt.
„Freunde könne die Trennung oft gar nicht fassen, weil
gerade dieses Paar ein Traumpaar war“, korrigiert auch Charlotte
Steffen-Pistor, Leiterin der Gesprächsgruppe Tangiert in Wuppertal, das
Klischee eines eher geschwisterlichen Verhältnisses, in dem Leidenschaft
ein Fremdwort bleibt. Vor elf Jahren wurde die Selbsthilfegruppe von den
betroffenen Frauen ins Leben gerufen, um Erfahrungen auszutauschen und
das Gefühl der Isolation zu überwinden. Insgesamt 200 Frauen aus ganz
Deutschland kamen seither zu den vierteljährlichen Treffen in Wuppertal.
Das nach dem Coming-out des Partners das einstmals
intakte Familienleben beschönigt wird, ist vielleicht nicht ganz von der
Hand zu weisen. Doch selbst wenn sich im Rückblick manchen verklärt:
Frauen schildern fast immer eine große Liebe, die nicht selten eine
Jugendliebe war. Der Sexuelle Seitenwechsel, die allmählichen
Veränderungen im Bett kränken Frauen umso mehr, weil ihr Partner ein
guter Liebhaber war und treuer als andere Ehemänner schien.
Die Entdeckung, dass der Lebensgefährte oder Ehemann
homosexuelle Neigungen hat, zieht sich meist über viele Jahre hin. Wie
Umfragen zeigen, entspricht die Annahme, vom Partner nicht betrogen zu
werden, auch in ausschließlich heterosexuellen Beziehungen nicht
unbedingt der Realität. Während fest gebundene Männer und Frauen sich
selbst durchaus heimliche Seitensprünge zubilligen, werden der Ehemann,
die Ehefrau in unrealistischer Weise als treu und deren/dessen Leben oft
als viel transparenter eingeschätzt, als es tatsächlich ist.
Dass der Mann, mit dem sie Kinder haben und ein
Familienleben führen, auch Männer liebt und begehrt und in Klappen,
Parks oder in der schwulen Szene mitunter Hunderte von Kontakten hat,
ist jedoch für viele Frauen außerhalb des Denkbaren. Frauen sind sich so
sicher, dass sie ihren Partner und dessen (hetero)sexuelle Neigungen
kennen, dass sie gegenteilige Anzeichen entweder überhaupt nicht
wahrnehmen oder ihre Bedeutung nicht erfassen.
Probleme zu verleugnen ist eine verbreitete
Lebensbewältigungsstrategie, vor allem dann, wenn die Lösung des
Problems die Handlungsmöglichkeit eines Menschen übersteigt. Das Gefühl,
mit niemandem über Ungereimtheiten sprechen zu können, und die oft
instinktive Erfassung weitreichender Konsequenzen bringt Frauen
homosexueller Männer dazu, die Wahrheit zu beschönigen und der Gefahr
erst einmal auszuweichen. Damit sie sich, die Kinder und ihren Partner
schützen, verdrängen sie Fakten, deuten sie um und ziehen für das
veränderte Verhalten ihres Partners alle möglichen Erklärungen heran:
Überarbeitung, zeitliche und psychische Belastungen oder die in jeder
Partnerschaft auftauchenden Verstimmungen und Differenzen werden als
Gründe für die spürbare Distanz und die sexuelle Zurückhaltung ihres
Mannes herangezogen. Manche Frauen packen ihr Leben so voll, dass sie
unter der größer werdenden Kluft nicht leiden. Weil sie ständig
beschäftigt sind, kommen sie nicht dazu, die Probe aufs Exempel zu wagen
und dem veränderten Verhalten ihres Mannes auf den Grund zu gehen.
Die Phase des Beschwichtigens und Leugnens schildern
in abgestufter Ausprägung fast alle Frauen. Erst im Nachhinein fällt es
ihnen wie Schuppen aus den Augen. Bestürzt müssen sie erkenne, wie blind
sie waren oder wie leichtgläubig sie den Ausreden und Lügen ihres Mannes
immer wieder Glauben schenkten. Doch auch wen der Zufall die Frauen auf
die Fährte führt oder der Mann seine „Doppelnatur“ preisgibt, neigen
manche Frauen dazu, die Verleugnung auf einer anderen Stufe
fortzusetzen. Sie wissen zwar von der homosexuellen Neigung ihres
Partners, gehen konkreten Verdachtsmomenten jedoch nicht nach: Aus
Angst, den Tatsachen in der Auseinandersetzung mit ihrem Partner nicht
gewachsen zu sein und ihn womöglich durch Nachfragen in die Flucht zu
schlagen, arrangieren sie sich mit der Situation, indem sie so gut es
geht die Augen vor realen Gegebenheiten verschließen.
Schlingernd zwischen Wissen und Nichtwissenwollen,
wählen viele Frauen den Mittelweg. Sie wollen Klarheit gewinnen und
überprüfen verdächtige Anhaltspunkte. In realistischer Einschätzung
dessen, was sie bewältigen können, und in der Hoffnung, eine für alle
akzeptable Konfliktlösung zu finden, lassen sie die Wahrheit jedoch nur
in verdaulicher Dosis an sich heran. Andere Frauen sammeln jede
Information. Um den Partner zu überführen, schnüffeln sie ihm nach. Mit
detektivischem Eifer entreißen sie ihm Stück für Stück sein Geheimnis.
Jeder Beweis bedeutet einen Sieg. Dass sie ihn in die Enge treiben, gibt
ihnen das Gefühl, nicht völlig ohnmächtig einer Lebenswende ausgeliefert
zu sein, auf die sie keinen Einfluss haben. Die Kränkung, hintergangen
und ausgetrickst worden zu sein, zahlen sie mit gleicher Münze heim. Und
zahlen damit nochmals einen Preis. Weil sie den Vertrauensbruch
aufdecken wollen, greifen sie selbst zur List und werden oft in
selbstquälerischer Weise in den Morast aus Lügen und Leugnen
hineingezogen.
Manche Frauen erfahren erst durch die Aids-Erkrankung
oder nach seinem Tod von dem Doppelleben ihres Partners. Sie müssen
damit fertig werden, dass ihr Partner seine Lebenslüge zu ihrer machte
und ihnen keine Chance gab, eine eigene Wahl zu treffen.
Die erschreckende Erkenntnis, mit einem Menschen
zusammengelebt zu haben, dessen Persönlichkeit plötzlich fremd und im
anderen Licht erscheint, stellt auch die Vergangenheit und
schlimmstenfalls sogar den Sinn des Lebens in Frage. Was war Echt? Was
beruhte auf Täuschung und Selbsttäuschung? Verunsichert, ob sie ihrer
eigenen Wahrnehmung trauen können, bewerten Frauen frühere Begebenheiten
neu und durchleuchten sie unter dem Blickwinkel übersehener
Homosexualität. Auch für Konflikte, deren Ursache ganz woanders liegt,
scheint es plötzlich eine Erklärung zu geben.
Verstrickt in die Unklarheit ihres Lebensgefährten,
verlieren sie den eigenen Kompass. In auffallender Weise durchzieht die
Unsicherheit, ob etwas noch oder nicht mehr gültig ist, die Berichte von
Frauen homosexueller Männer
Je nachdem, ob der Partner sich ihnen zuwendet oder
nicht, wechseln Frauen zwischen der Hoffnung, dass sie zu dritt eine
Lösung finden werden, und dem Gefühl, abgestellt und nur noch eine
Altlast zu sein. Das depressive Gefühl, auf ganzer Linie im Stich
gelassen zu werden, ist umso stärker, je mehr der Partner Träger eigener
Zukunftshoffnungen war. An diesem Punkt verlassen einige Frauen die Ehe.
Andere bleiben: aus Gewohnheit, aus Angst vor dem
Alleinsein, aus materieller Abhängigkeit, der Kinder wegen, weil sich
eine Trennung nicht mehr lohnt, um einen Lebensrahmen zu erhalten. Sie
bleiben aus Hoffnung, dass sich die Homosexualität auswächst oder im
Alter legt. Oder sie bleiben, weil ihre Liebe auch diese Last erträgt.
