Seitenwechsel
Wenn
Väter schwul werden, bricht nicht gleich eine ganze Welt zusammen. Aber
es verändert sich einiges, wie die nachfolgende Geschichte über Ian und
seine Söhne zeigt. Erstmals hat sich Mitte Januar unser Bundespräsident
zu gleichgeschlechtlichen Familien geäußert – ein Grund mehr, dem
schwulen Papa ein Titelthema zu widmen
Ein einsamer Läufer trabt locker die Jahnkampfbahn hinaus und wieder
hinab. Scharen von Spaziergängern bringen das Laub zum Rascheln.
Fußbälle holpern über den unebenen Rasen, ein paar Frisbees fliegen
durch die Luft. Ein Sonntag im Stadtpark. Es riecht nach Schnee, doch
dafür ist es nicht kalt genug.
Bereits von weitem sind die vier zu erkennen – sie tummeln sich auf dem
Rasen vor dem Planetarium. Alle drahtig, in sportlicher Freizeitklamotte
und aufeinander fixiert. Der Fußball rollte schnell durch die Reihen –
blitzartig rennt einer hinterher, gerät das Spielgerät einmal außer
Kontrolle.
Papa Ian, freier Art-Director für Film- und Fernsehproduktionen, hat
seine drei Söhne mitgebracht: Jonas, Tim und Till. Der 12-jährige Jonas
kommt nach seinem Vater, im Aussehen wie im Denken, Tim wird mit seinen
14 Jahren schon bald die Mädchenherzen im Sturm erobern dank keckem
Grinsen und gesundem Selbstbewusstsein. Till macht dagegen einen eher
nachdenklichen Eindruck. Er engagiert sich, wann immer es ihm wichtig
erscheint und er sich verantwortlich fühlt: in der Schule, bei
Streitereinen zwischen seinen Brüdern, eigentlich immer in brenzligen
Situationen. Sehr erwachsen wirkt er, obwohl er gerade erst 16 Jahre als
ist.
Nicht viel ältern war Tills Vater, als er zum ersten Mal etwas für
Männer empfang. „Mit 18 oder 19 hatte ich ein paar Begegnungen“,
erzählte Ian. Tiefere Blicke, erotische Anziehung, auch einige
Berührungen. Sex war das für ihn nicht. Damals lebte der heute
41-jährige noch in seiner Heimat Australien. Vater und Mutter
konservativ, die Familie einer Patriarchen, vom Großvater beherrscht.
Kein Umfeld, um seine homosexuelle Identität zu erkennen und sich mit
ihr auseinander zu setzen, geschweige denn, sie auszuleben. Als er mit
32 Jahren seiner Mutter von seinem Schwulsein erzählte, wollte die ihn
zum Arzt schicken – eine Hormonbehandlung hatte sie vorgeschlagen. Noch
heute können die Eltern sein Schwulsein nur schwer verstehen.
Die frühen, erotischen Begegnungen mit Männern konnte Ian nicht „so
richtig zuordnen“. Sie brachten ihn auch nicht davon ab, eine Beziehung
mit einer Frau anzustreben. Als er dann seiner späteren Ehefrau
begegnete, war er heilfroh. „Ich dachte, durch die Beziehung zu einer
Frau würden meine Gefühle für Männer nachlassen und verschwinden“.
Ian liebte seine Frau. Die gemeinsame Reiselust schweißte die beiden –
er aus Down Under, sie aus Deutschland – zusammen: In den ersten Jahren
entdeckten sie die Welt. Ein rastloses Leben und wenig Zeit für Ian,
sich über sich selbst klar zu werden.
Dann wollte seine Frau eine Familie gründen. „Ich hatte eigentlich nicht
vor, Kinder großzuziehen. Aber meine Frau wollte gleich vier. Ich war
jung und naiv. Also dachte ich mir: Warum nicht, ist eine witzige Idee.
So richtig an die langfristeigen Konsequenzen habe ich damals, mit 25
Jahren noch gar nicht gedacht.“ Vor 16 Jahren wurde dann Till in
Deutschland geboren. „Es war etwas ganz Besonderes, bei den Geburten
meiner Söhne dabei zu sein. Sie als Neugeborene im Arm zu halten, Ich
bin sehr dankbar, dass ich das trotz meines jetzigen Schwulseins erleben
durfte“. Ian wollte der perfekte Ehemann, der perfekte Vater sein. Zwei
Jahre später erblickte Tim das Licht der Welt. Doch unter dem Druck
einer wachsenden Familie bekam die Beziehung Risse.
Zunächst hatten die Probleme nichts mit Ians Sexualität zu tun. Es gab
Schwierigkeiten im Miteinander der Ehepartner. Streitereien über die
Rollen in Haushalt und Beruf, die stets präsenten, kulturellen
Unterschiede innerhalb der binationalen Ehe. Auch wollte Ian wieder in
Australien wohnen. Trotz der wachsenden Probleme fassten die Eheleute
1992 den Entschluss, in Ians Heimat zu ziehen. „Nach fünf Jahren in
Europa wollte ich zurück. Ich habe drauf bestanden, aber meine Frau war
nicht hundertprozentig glücklich darüber. Als ich sie kennen lerne,
wollte sie nach Australien auswandern. Doch nach den Geburten der ersten
beiden Söhne und den Jahren in Deutschland hatte sich ein enges Band
zwischen ihr, ihrer Mutter und ihren Schwestern ergeben“.
Als dann der dritte Sohne Jonas vor 12 Jahren ungeplant in Sydney
geboren wurde, waren die Risse in der Beziehung der Eltern nicht mehr zu
kitten. „Die Vorstellung von einem dritten Kind fiel mir sehr schwer.
Wir hatten bereits Probleme, und eine größere Familie bedeutet auch
finanziell eine größere Last. Heute freue ich mich natürlich tierisch,
dass mein Sohn Jonas da ist, aber damals war es nicht so leicht“. Trotz
der Schwierigkeiten nahm Ian seine Rolle als Vater sehr ernst: „ Ich
habe nur Teilzeit gearbeitet, um mehr Zeit mit den Kindern zu
verbringen. So konnte ich auch viel bei der Erziehung mitwirken, war zum
Beispiel Präsident des Kindergartens.“
Es war aber auch die Zeit, in der er sich mit seiner sexuellen Identität
befasste – Ians Gedanken an Männer wurden immer stärker. „Ich sagte mir:
Scheiße, was tust du dieser Frau und dieser Familie an. Ich wollte mein
Schulsein vorher nicht wahrhaben. Meine Hoffnung war, dass die Gefühle
für Männer mit der Zeit verschwinden. Ich hatte Angst zu sein, was ich
nie werden wollte – schwul. Aber als klarer wurde, dass ich meine
Gefühle für Männer ausleben wollte, wusste ich: die Ehe muss beendet
werden. Ich wollte mein Schwulsein nicht neben meinem Eheleben laufen
lassen.“ Nach vier Jahren in Australien brachen Ians Ehefrau und die
Inder zu einem dreimonatigen Urlaub nach Deutschland auf. Sie kehrten
nie wieder nach Australien zurück.
Ian wanderte nach Deutschland ein, um in der Nähe seiner Söhne zu sein.
Es folgten Streitereien vor Gericht: Sorgerecht, Aufenthalt,
Kindesumgang, Ehegatten- sowie Kindesunterhalt wurden durchgeklagt. Seit
acht Jahren lebt Ian nun in Hamburg und pflegt einen regelmäßigen Umgang
mit seinen Kindern.
„Durch die Trennung musste ich mich von dem Familienvater, der seine
Kinder im Alltag erzieht, auf einen Wochenend-Freizeit-Papa umstellen.
Obwohl ich immer noch traurig bin, dass der Alltag mit den Jungs
verloren gegangen ist, haben wir schnell eine eher freundschaftliche
Beziehung zueinander aufgebaut. Die Interaktion ist weniger, aber umso
intensiver geworden.“
Jedes zweite Wochenende holt Ian seine Söhne von der Mutter ab.
Eigentlich leben die Kinder auf dem Land, in der Nähe von Eckernförde;
wohl behütet in einer Art Familienkommune, denn im direkten Umkreis
ziehen auch die Schwestern der Mutter ihre Kinder groß. Kein Zufall,
auch in der Schule werden die Jungen alternativ aufs Leben vorbereitet.
Jonas, Tim und Till gehen auf eine frei Waldorfschule. Dort stehen das
Individuum, die seelischen Begabungen jedes Einzelnen im Mittelpunkt.
Waldorfkinder sehen sich und die Welt zumeist mit etwas anderen Augen,
legen ein recht gesundes Selbstbewusstsein an den Tag. So wie die drei
Jungs von Ian.
Die Wochenenden bei Papa bestehen aus jeder Menge Sport, meistens
Fußball und Tennis. Auch Zuhause bei der Mutter bewegen sich die drei
viel. Fußball, Volleyball, Radfahren, Segeln, Paddeln, Inline-Skaten,
Auftritte im Schulzirkus. Über den Sport hinaus muss ihnen jedes
Hamburg-Wochenende wie ein kleiner Kulturschock vorkommen – den Jonas,
Tim und Till genießen. Hier ist die Welt eine ganz andere: der Takt der
Großstadt, ein paar Tage mit Papa und nicht zuletzt Ians schwules Leben.
Die Kinder nehmen daran rege teil. Früher waren das Urlaube, gemeinsam
mit Ians Ex-Freund. Heute besuchen sie schon einmal ein Konzert des
schwulen Männerchors Schola Cantorosa, gehen mit auf Geburtstagspartys
oder machen einen Badeausflug zum Boberger See.
Das Papa auf Männer steht, hat der Älteste, Till, als Erster erfahren.
Als er 11 war, hat sich Ian mit ihm hingesetzt und versucht, es zu
erklären. „Ich habe zugehört, immer ja gesagt und am Ende gefragt: Was
ist denn nun schwul?“, erinnert sich Till. „Erst als Papa mit seinem
neuen Partner zusammenzog, wurde mir dann richtig klar, was Schwulsein
bedeutet. „Ein ähnliches Aha-Erlebnis brachte auch Tim dazu, das
Schwulsein seines Vaters zu verstehen.
Der Jüngste, Jonas, hatte noch keinen Sexualkundeunterricht in der
Schule. Entsprechend versucht Ian im Alltag, sein Schwulsein so
selbstverständlich wie möglich zu leben. Wenn Jonas Fragen dazu hat,
sprechen sie darüber – nicht nur über die sexuelle Orientierung, sondern
vor allem um das Schwulsein als Identität. Ein bisschen davon ist schon
angekommen. Wenn man Jonas fragt, was einen schwulen Papa von anderen
unterscheidet, kommt als Antwort: „Papa ist irgendwie lockerer, feiert
bessere Partys, kommt jünger rüber, ist cool, kleidet sich besser als
andere Väter ...“.
Mächtig stolz sind alle drei auf ihren schwulen Papa. „Er ist der
coolste Vater der Klasse. Wenn Freunde uns besuchen kommen, sehen die,
wie locker der drauf ist“ – Till kann sich kaum zügeln vor Lob. Der
kleine Jonas geht für seien Papa schon mal auf die Barrikaden: „Auf dem
Schulhof hört man manchmal das Schimpfwort „schwule Sau“. Das finde ich
abartig. Ich fang dann an zu diskutieren und frage, was sie damit
meinen. Die wissen dann gar nichts. Es ist eigentlich total doof.“ Oft
fängt Jonas mit seinen Erklärungen ganz von vorne an: „Menschen, denen
ich es erzählt habe, glaubten es am Anfang gar nicht. Da gibt es dann
viel zu erklären.“
Alle drei erklären viel. Als bei einer Schulaufführung zwei Mädchen über
Schwule gelästert haben, kam Tim dazu. Er fragte die beiden, ob sie denn
überhaupt einen Schwulen kennen würden. Die Mädchen verneinten, und im
nächsten Moment hat er sie auch schon mit seinem Vater bekannt gemacht.
Keine Sorgen machen sich die Jungs über die Möglichkeit, dass Papa
irgendwann wieder einen Partner finden wird. Tim meint dazu: „Wenn Papa
gern wieder einen Freund haben will, ist das in Ordnung. Er würde, wenn
er wieder einen hätte, ganz bestimmt nicht weniger Zeit mit uns
verbringen. Ich hab’ mich auch super mit seinem letzten Freund
verstanden, der hat nur nicht so gern Fußball gespielt.“
Das gesunde Selbstbewusstsein, das die drei Jungs an den Tag legen,
können sie gut gebrauchen: Sie sind ständige Begleiter eines
Scheidungskriegs, der nun schon ins zehnte Jahr geht. Wie Tausende
anderer Kinder auch haben Jonas, Tim und Till besonders unter der
Trennung ihrer Eltern zu leiden, doch vor allem setzen ihnen die
zahlreichen Sorgerechtsstreitereien zu. Besonders Till, der Älteste,
kommt darüber immer wieder ins Grübeln: „ Früher ist Mama ganz sauer
gewesen, wenn wir mit Papa was gemacht haben. Da war ich als Ältester
immer hin- und hergerissen, denn ich liebe ja beide.“ Vor einigen Jahren
musste er sogar vor Gericht aussagen. „Immerhin hat mir keiner gesagt,
was ich erzählen soll.“ Die Eltern treffen sich nur noch vor Gericht,
und so hat Till die Hoffnung auf Versöhnung inzwischen aufgegeben: „Sie
sind sehr unfreundlich zueinander. Briefe werden geschrieben, beide sind
ganz stur. Früher habe ich gedacht, es wäre schön, wenn sie sich einfach
mal auf einen Kaffee treffen könnten und sich dann wieder verstehen.,
Aber inzwischen habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass sie sich noch
vertragen werden.“ Immerhin gehören die verbalen Auseinandersetzungen
seit die Eltern nicht mehr miteinander sprechen der Vergangenheit an.
Ian findet es schade für die Kinder, „Dass meine ehemalige Partnerin
mein Schwulsein nicht verstehen und akzeptieren will Ich glaube, sie
denkt, ich muss büßen für das, was geschehen ist. Aber die Kinder sind
diejenigen, die unter ihrer Rache leiden.“
Tief im Innern ist sich Ian sicher, dass er ein guter Vater ist.
Trotzdem fühlt er sich mit seinem schwulen Leben und den Kindern ein
bisschen wie auf einer Insel zwischen zwei Welten: nicht ganz zu der
einen, nicht ganz zu der anderen gehörend. Kleinigkeiten geben ihm zu
spüren, dass er mit seinen Kindern häufig nicht als Familie wahrgenommen
wird: Bei einem Urlaub am Bodensee, mit den Jungs und seinem damaligen
Freund, war es nicht möglich, ein ermäßigtes Familienticket für die
Insel Mainau zu bekommen. Heteropaare mit ihren Kindern passierten ohne
Prüfung den Einlass, während er vergeblich diskutierte. Auch bei der
Bahn bekommt Ian keine Familien-Card. Der Grund: Die Kinder sind nicht
bei ihm gemeldet. „Jetzt, nach Weihnachten, beim Skiurlaub mit Jonas,
haben wir auf Familie gemacht. Eine Freundin und alleinerziehende Mutter
ist mit ihrem Kind dabei.“ Ian kennt das inzwischen schon – Ermäßigungen
werden einem dann sofort und von ganz allein angeboten, auch kommen
Menschen ganz anders auf ihn zu. „Es ist viel einfacher, mit einer Frau
und seinen Kindern zu reisen als mit seinem Freund und den Kindern.“
Durch seine Lebensumstellung kann Ian den Jungs viel weniger Kontakt mit
gleichaltrigen Kindern bieten. „Manchmal habe ich ein schlechtes
Gewissen meinen Jungs gegenüber. Wenn sie mich besuchen, kann ich ihnen
kaum Spielkameraden anbieten. Hetero-Väter kennen meistens Familien mit
Kindern, die vom Alter her gut zu den eigenen Kindern passen. Als
schwuler Vater kenne ich aber kaum Männer mit Kindern. „Deswegen sind
die Jungs, wenn sie mich besuchen, viel stärker auf mich fixiert.“
Besonders im Urlaub ist es für Ian fast unmöglich, schwule Welt und
Familienleben unter einen Hut zu bekommen. „Familienhotels mit
Animationsprogramm sind für einen schwulen Partner mit eher
kosmopolitischer Ausrichtung der blanke Horror. Städtereisen in
ansprechende Hotels lassen sich mit drei Kindern kaum bezahlen. Und
klassische, schwule Urlaubsziele, wie entsprechende Hotels auf Gran
Canaria sind für Kinder ungeeignet. Ich erinnere mich mit Grauen daran,
als ich mit den Jungs am Boberger See war und die auf die Idee kamen, in
den Büschen Versteck zu spielen ...“ Ian muss lachen.
Auch in der schwulen Welt hat er es nicht so einfach als Familienvater:
Die Auswahl an Männern, die so etwas mitmachen, ist beschränkt. Bei
manchen wird es gleich am Anfang deutlich, dass ein Freund mit Kindern
nicht in Frage kommt: „Wenn da eine klare Ansage kommt, weiß ich
wenigstens Bescheid.“ Schwieriger findet es Ian, wenn sich Männer mit
einem unausgelebten Traum vom Vatersein zu schnell in die Vorstellung
einer „Instand Family“ verlieben – „man sollte sich der Verantwortung
dabei schon bewusst sein. Einen Hunde zu haben, ist höchstens ein
sanfter Einstieg“, meint er dazu augenzwinkernd.
Grundsätzlich sieht Ian in dem schwulen Leben die Gefahr, zu sehr mit
sich selbst beschäftigt zu sein. „Das macht es dann schwer, Teil einer
Familie zu sein“. In diesem Punkt ist er durchaus selbstkritisch: Auch
Ian bekennt sich zu einer hedonistischen Ader, „meine Kinder geben mir
da aber eine wichtige Erdung“. Während die schwule Welt aus seiner Sicht
häufig im Übermaß egozentrisch ist, sieht er Kinder als eine
herausragende Art der Sinngebung. „Auch wenn es eine starke Investition
von Zeit, Geld, Emotionen und Energie war – die Jungs sind eine
unendliche Bereicherung meines Lebens.“
Wer die vier beobachtet, kann das unschwer erkennen. Ian ist glücklich
mit seinen Söhnen und sie sind glücklich mit ihm – auch wenn es beim
Fußball gerne voll zur Sache geht. Heute spielen Jonas und Till gegen
Papa und Tim. Und wie eben Spiele unter Jungs sind: Jonas rammt Ian den
Ellbogen in den Oberschenkel, nach einem unsanften Zusammenstoß von Till
und Ian humpeln erst einmal beide lachend über das Feld. Papa, der beim
Spiel manchmal wie ein großer Bruder wirkt, teilt ordentlich aus und die
Kids machen mit. Am Ende heißt es 2 : 1, die Mischung aus Ians
Robustheit und Tims Schnelligkeit haben den Ausschlag gegeben.
Am Ende einer langen Nachmittags gibt es für alle Eis. Papa zahlt, die
Jungs vertilgen die Magnums in Rekordzeit. Noch ein Blick über den See,
dann verabschieden sich die vier. Vor ihnen liegt noch eine lange
Autofahrt durch Schleswig-Holstein. Es dämmert. Bei der Mutter wartet
das Abendbrot.
Axel Limberg – hinnerk 02/06
Fehlentscheidungen möglich
Die Geschichte des schwulen Vaters Ian ist nur eine von vielen. Wie es
anderen ergeht, was bei einer Scheidung zu beachten ist und wo es Hilfe
gibt – hinnerk-Autor Thomas Christes gibt einen Überblick
Rainers Eheleben glich immer mehr einem Nebeneinander von Bruder und
Schwester. Ständig diese bohrenden Fragen wie: „Was ist mit dir los?“
Fragen, die tief an der Seele kratzen und eine innere Zerrissenheit
befördern. Dazu die heimlichen Treffen mit Männern, „die im eigentlichen
Sinne ja gar kein Seitensprung waren“. Nach drei Jahren traf Rainer
seine mutige Entscheidung und erklärte sich seiner Frau. Die war tief
enttäuscht – fühlte sich aber tatsächlich nicht als betrogene Ehefrau.
Eher hatte sie Angst, nach 16 Jahren Ehe für andere Männer „nicht mehr
marktfähig“ zu sein. Rainer musste sich unterschwellige Vorwürfe
anhören. Dass sie ihr Leben ja auch anders hätte gestalten können und
nun ganz neu beginnen müsse. „Berechtigt“, findet Rainer. Die Scheidung
an sich war eine Sieben-Minuten-Sache. Wie es weitergehen soll, wurde
gemeinsam besprochen, offen und ehrlich auch mit den beiden Kindern
Sebastian und Tobias. Der Kleine entschied sich für die Mutter, der
Große für den Vater. Im Nachhinein sieht Rainer seine Geschichte als
„relativ stressfrei“ gelaufen. Heute ist er glücklich. Er hat einen
Freund, seine Ex-Frau auch. Für beide Kinder ist er da, wann immer sie
ihn brauchen.
Ehefrauen reagieren aber nicht immer gelassen oder gar erleichtert
darüber, im Schwulsein des Mannes einen plausiblen Grund für das
Scheitern der Beziehung gefunden zu haben. Jörg, Jahrgang 1967, hat eine
heute 16 Jahre als Tochter. Aufgewachsen in der ehemaligen DDR, kannte
er schwules Leben wenn überhaupt nur vom Hörensagen. Alle hatten eine
Freundin, und so schwamm auch er auf dieser Welle mit – gewissermaßen
als Pflichterfüllung. Erst in der Ehe trat das Thema Homosexualität
wieder zu Tage. Jörg war mit seiner Frau Silke mittlerweile nach Hamburg
gezogen, sie hatte den Wechsel aus einer Kleinstadt im Ostern in eine
Großstadt im Wester nie ganz überwunden. „Später gab es das Internet,
ich konnte so Stück für Stück die Szene entdecken und irgendwann hatte
ich dann erste Erfahrungen in Pornokinos“. Für Silke brach eine Welt
zusammen, als ihr Jörg sein Schwulsein gestand. Sie glaubte, vor den
Trümmern ihres Lebens zu stehen. Zunächst suchte sie verstärkt Nähe zu
Jörg, begann dann aber zu trinken und saß oft regungslos in der Küche.
Heute lebt Silke wieder im Ostern. Sie lernt zwar neue Männer kennen,
mit denen sich aber keine Beziehung ergeben. Sie ist noch immer
verbittert und blickt auf 15 Ehejahre zurück, die sie als verlorene Zeit
ansieht. Beide haben das gemeinsame Sorgerecht, die Tochter aber lebt
bei der Mutter. Sie hat regelmäßig Kontakt zu ihrem Vater – das
Schwulsein aber verdrängt sie und will nicht darüber sprechen.
Auch offen lebende Schwule können „wie die Jungfrau zum Kinde“ kommen.
So hat es Thomas Duda vom Punk-Gothic-Duo „Schneewittchen“ aus Hannover
erlebt. Er lebte jahrelang mit der Sängerin Marianne und ihrem Sohn
Konstantin unter einem Dach. Der Junge war sechs, als Thomas – gerade
mal zehn Jahre älter – unfreiwillig die Vaterrolle übernahm. „Mir war
das erst gar nicht bewusst, aber plötzlich ertappte ich mich dabei,
Sprüche abzulassen, die ich als Kinder selbst immer gehasst hatte“.
Für Konstantin war es ganz normal, einen schwulen Ersatzvater zu haben.
Mit acht Jahren feierte er mit Thomas und Marianne auf dem CSD und fand
es toll. Wer aber meint, das schwul-schrille Leben können einen
Zweitklässler sittlich oder moralisch aus der Bahn werfen, der irrt.
Heute ist Konstantin 17. Mädchen sind angesagt und natürlich Hip-Hop.
„Es ist verblüffend, wie häufig es leibliche schwule Väter gibt“. Dieses
Resümee zieht der Hamburger Psychologe Marco Johannsen (29). Er hat das
Thema im Rahmen seiner Diplomarbeit wissenschaftlich beleuchtet und
zahlreiche Fallbeispiele untersucht. Der Verlauf der Geschichten ist oft
typisch: Hochzeit, Kinderkriegen und Coming-out. Wenn der heterosexuelle
Geschlechtsverkehr „klappt“, werde der von vielen als Erleichterung
empfunden, weil er als „Gegenbeweis“ zum Schwulsein erlebt werde. Frau
und Kinder aber reagieren ganz unterschiedlich, wenn der Tag des
Coming-outs gekommen ist. Johannsen sieht die zunehmende Enttabuisierung
der Homosexualität als Hauptgrund für die vielen Coming-outs von Vätern.
Und was die Kinder angeht, sagt er: „Je älter die Kinder sind, um so
problemloser gehen sie mit ihrem schwulen Vater um – meist ist das nach
der Pubertät kein großes Problem“. Die Trennung der Eltern an sich ist
für viele Kinder das Problem Nummer eins.
Glücklich kann sich schätzen, wer im Fall der Trennung eine
einvernehmliche Scheidungsfolgevereinbarung trifft. Dabei bleibt das
gemeinsame Sorgerecht bei Trennung und Scheidung grundsätzlich
unberührt. In strittigen Fällen entscheidet allerdings der Richter. „Der
aber darf in seiner Entscheidung natürlich nicht das Sorgerecht
automatisch der Mutter zusprechen, nur weil der Vater schwul ist“,
betont die Hamburger Rechtsanwältin Jennifer Schmidberger. Die Hamburger
Expertin für Familien- und Lebenspartnerschaftsrecht räumt aber ein:
„Gleichwohl sind Fehlentscheidungen möglich“. Das geplante
Antidiskriminierungsgesetz ist zwar knapp gescheitert, aber wirklich
schwulenfeindliche Entscheidungen in Scheidungsangelegenheiten habe sie
auch noch nicht erlebt. Richter seien in Sorgerechtsentscheidungen
verpflichtet, zum Wohle des Kindes zu entscheiden. Dabei hat eine
umfassende Kindeswohlprüfung unter besonderer Berücksichtigung des
Kindeswillen stattzufinden. Gleiches gilt für Unterhaltszahlungen: Hier
ist es genau so wie bei Trennungen zwischen Frau und Hetero-Mann:
Während des Trennungsjahres sollen beide Partner den gleichen Status wie
während ihrer Ehe aufrecht erhalten können.: Zahlen muss der, der
bislang mit seiner Erwerbstätigkeit für den Familienunterhalt gesorgt
hat. Ist die Ehe beendet, sollen beide theoretisch wieder ihren eigenen
Unterhalt verdienen, „in der Praxis zahlt meistens der Mann, da er das
höhere Einkommen hat“. Auch im Steuerrecht sind schwule Männer in Bezug
auf die Trennung nicht bevor- oder benachteiligt, erklärt Jennifer
Schmidberger: „Man rutscht nach einer Trennung zwar in eine wesentlich
ungünstigere Steuerklasse – aber das betrifft alle, ganz unabhängig von
ihrer sexuellen Orientierung.“
hinnerk 02/06
Nicht von
schlechten Eltern
Wissenschaftlich belegt: Kinder, die in homosexuellen Beziehungen
aufwachsen, werden dadurch nicht geschädigt. Ein Buch gibt dem Nachwuchs
aus Regenbogenfamilien jetzt eine Stimme
Kinder in homosexuellen Lebensgemeinschaften sind immer noch ein
Tabuthema. Erst mühsam öffnet sich hier eine öffentliche Diskussion, und
wenn jemand – wie jetzt Bundespräsident Horst Köhler sie öffentlich
anstößt, greifen die konservativen Reflexe, die das traditionelle
Familienbild vehement verteidigen. Denn: Normal ist, was
Vater-Muttter-Kind heißt.
Seit den 80er Jahren wurden etwa 100 wissenschaftliche Studien
vorgelegt, die sich mit lesbischer und schwuler Elternschaft
beschäftigen. Mehrheitlich rücken sie die Situation lesbischer Frauen
und ihrer Kinder in den Mittelpunkt, die überwiegende Tendenz aber lässt
sich für beide Geschlechter auf einen knappen Nenner bringen:
Homosexuelle sind keine schlechteren, sondern gleichwertige Eltern.
„Und was sagen die Kinder dazu?“ Diese Frage stellten sich die
Soziologin Uli Streib-Brzic und die Sozialpädagogin Stephanie Gerlach –
und lieferten die Antwort in Form eines entsprechenden Buches gleich
mit. Sie führten Gespräche mit Kindern lesbischer und schwuler Eltern.
36 Interviews kamen so zusammen. „Wir waren neugierig darauf zu hören,
was die Kinder dazu sagen, dass sie in einer Familie aufwachsen, die
nicht dem traditionellen heterosexuellen Familienbild entspricht“,
betonen die Autorinnen. „Bei uns gibt’s’ immer was zu feiern“, erzählt
da etwa der 11-jährige Robin, der bei seinen zwei Vätern in München
lebt. Allerdings sind manche Dinge weniger lustig. Denn nach dem Wechsel
von der Grund- auf eine Ganztagsschule vermied er es, von seiner
familiären Normalität zu erzählen: „Also ein bisschen habe ich davor
Angst, ich weiß es nicht. Ich habe es noch nicht ausprobiert zu sagen,
weil manche aus meiner Klasse, die finden das komisch, dann habe ich
Angst, dass ich die verliere, wenn ich es denen sage.“
„Für mich ist erst mal eine Welt zusammengebrochen“, erinnert sich
wiederum Marie (27) an den Augenblick, als sie bemerkte, dass ihr Vater
schwul ist. „Wo ich doch eines der Kinder gewesen bin, die am lautesten
„du schwule Sau“ gerufen haben, und da komme ich nach Hause und mein
eigener Vater ist schwul.“
Streib-Brzic und Gerlach haben diese Geschichten mit viel Sensibilität
zusammengetragen. Die eigentlich Leistung des Buches ist es, den Kindern
eine Stimme zu geben. Im Anhang liefern die Autorinnen zudem einen guten
Überblick über den derzeitigen Forschungsstand. So wird etwas deutlich,
„dass sich in der gleichgeschlechtlichen Lebensweise schwuler Väter kein
Faktor finden lässt, der sich signifikant auf deren Erziehungsfähigkeit
oder Selbstverständnis als Vater auswirkt.“ Mit Blick auf die Kinder
heißt es, dass weniger die Lebensform der Eltern als vielmehr die
Qualität ihrer Partnerschaft entscheidend sei: „Die Entwicklung der in
gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufwachsenden Kinder verläuft um
so besser, je mehr die PartnerInnen ihre Homosexualität akzeptieren, je
offener sie sie leben können und je mehr ihre Lebensform von anderen
Bezugspersonen der Kinder akzeptiert wird.“
Ein Plädoyer für Normalität – zumal es keinerlei
Entwicklungsunterschiede bei Kindern heterosexueller und homosexueller
Eltern könnten aufgrund ihrer spezifischen familiären Situation von
ihrer Umwelt direkte Ablehnung oder Ausgrenzung erfahren, konnte nicht
bestätigt werden“, schreiben die Autorinnen. Allerdings spürten die
Kinder, dass es gesellschaftliche Vorurteile gegenüber Homosexualität
gebe. Was ja im Zweifel den Blick fürs Leben schärft.
Stefan Mielchen – hinnerk 02/06
Uli Strieb-Brzic und Stephane Gerlach: „Und was sagen die Kinder dazu?
Gespräche mit Töchtern und Söhnen lesbischer und schwuler Eltern“,
QuerVerlag,14,90 Euro
Köhlers Familie
Erstmals bezieht ein Bundespräsident auch Homo-Paare in seinen
Familienbegriff mit ein
„Kinder auf das Leben vorzubereiten, partnerschaftliche Lebensentwürfe
zu verwirklichen, das kann in ganz unterschiedlichen Strukturen
gelingen: in der Ehe, in nicht-ehelichen und auch gleichgeschlechtlichen
Familien, in Patchwork- und Einelternfamilien“. Erstmals äußerte sich
mit Horst Köhler ein Bundespräsident zum Thema gleichgeschlechtliche
Familien. Anlässlich des Jahresempfangs der Evangelischen Akademie in
Tutzing hielt das Staatsoberhaupt dort eine Grundsatzrede zur
Familienpolitik.
Köhler plädierte für eine familienfreundlichere Gesellschaft und
forderte eine breite gesellschaftliche Diskussion über eine bessere
Vereinbarkeit von Familie und Beruf: „Wir sollten unsere Haltungen
überdenken: Unsere Vorstellungen von einem gelungenen Familienleben, von
Mütter- und Väterrollen und vom Platz, den Kindern in unserem Leben
einnehmen.“ Leitbild sei für ihn nach wie vor die Ehe mit Kindern, so
Köhler weiter, „bestimmt auch, weil ich dieses Glück mit meiner Frau und
unseren Kindern erfahren habe“.
Die präsidialen Worte kommen zum passenden Zeitpunkt: Durch die
parteiübergreifend heftig diskutierten Vorstöße der neuen
Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU), Kinderbetreuung künftig
steuerlich absetzbar zu machen, steht Familienpolitik derzeit ganz oben
auf der Agenda der Regierung.
So rief die Rede völlig unterschiedliche Reaktionen hervor. Während der
bayerische Landtagspräsident Alois Glück (CSU) sich gegenüber dem
„Münchener Merkur“ mokierte, man könne gleichgeschlechtliche Beziehungen
nicht in das Leitbild Familie mit einbeziehen, lobte seine
Parteikollegin Christa Stewens, bayerische Familienministerin, Köhlers
„sehr differenziertes, an der Realität orientiertes Bild der Familie“.
Die Zahlen bestätigen diese Einschätzung: Laut Statistischem Bundesamt
wachsen bereits in jeder achten gleichgeschlechtlichen
Lebensgemeinschaft Kinder auf.
Florian Frei – hinnerk 02/06
